Hahnemann und die Miasmen

Hahnemann und die Miasmen

Die Tuberkulinie


Sie wird dargestellt als selbständige Einheit, die entstanden ist, quasi als Verschmelzung von Psora und Syphilinie. Beide Anteile sind darin erkennbar, die lymphatische Komponente der Psora, und die zerstörende Wirkung der Lues. Obwohl es mehrere Tuberkulinnosoden gibt, je nach Herstellung und Ausgangsmaterial, haben sie doch fast alle ein gemeinsames Grundgerüst im Arzneimittelbild.
Das Tuberculinum Koch-Alt enthält fast alle gemeinsamen Symptome, die charakteristisch sind für tuberkulinische Patienten. Es wurde von Robert Koch aus dem Extrakt von Kulturen des Mycobacterium tuberculosis typus humanus entwickelt, um ein Heilmittel gegen die Tuberkulose zu gewinnen. Dieser Versuch schlug fehl. Erst durch die homöopathische Aufbereitung erhalten wir ein wertvolles Heilmittel.

Die vielfältige Symptomatik kann am besten verstanden werden, wenn man sich zunächst an den pathologischen Zeichen der Tuberkulose orientiert. Hier sind es zunächst die Zeichen der Schwindsucht, die ins Auge fallen: Rasche Abmagerung, Schwäche, schnell erschöpft, Blässe im Wechsel mit Röte der Wangen, Schweiß bei geringer körperlicher und geistiger Anstrengung, Frostigkeit, fiebrig mit Kälteschauern im Wechsel. Fast alle Organe können befallen sein, besonders jedoch die Lunge, die Niere, die Lymphknoten, die Knochen, die Haut, die Schleimhaut und die Meningen. Je nach Fortschreiten der Erkrankung kann es zu Gewebezerfall mit Kavernen und Knochensequestern kommen oder zu exsudativen Prozessen, wie Pleuritis, Pericarditis, Peritonitis oder verkalkenden Herden. Die Toxinwirkung macht sich vor allein an der Leber und am hormonalen System bemerkbar. Typisch sind Adynamie und Hypotonie sowie Demineralisation und Entkalkung (Wirkung der Parathyreoidea). Eine motorische Unruhe mit Hektik stellt sich ein. Die Toxinausscheidung macht sich in Ekzemen, übermäßigen Schweißen und Katarrhen der Schleimhäute bemerkbar.

Hauptmerkmale:
Große Unbeständigkeit, der Patient steht nie lange eine Situation oder eine Aufgabe durch. Er unternimmt immer etwas Neues, ist hektisch und exaltiert.
Rasche Abmagerung bei gutem Appetit ist symptomatisch.
Der ständige Wechsel, sowohl von Orten, Beruf, dem Partner, Freunden, Interessen, Ärzten (!) ist auffällig.
Eine gewisse Widersprüchlichkeit oder Gegenpoligkeit ist zu sehen: Mal Heißhunger, mal komplette Abneigung gegen das Essen, Durchfall oder Verstopfung.
Abwechslung von körperlichen mit psychischen Symptomen.
Wandernde Schmerzen in den Gliedern und Gelenken.
An Tuberkulinum muß man denken bei schlanken, hageren, überaktiven, aber schnell erschöpften kollapsigen Menschen, die es nicht lange an einer Stelle aushalten. Sie haben eine schlaffe Haltung und Muskulatur, die Mimik ist lebhaft, aber das sanguinische Temperament wechselt oft mit hypochondrischer, ängstlicher, sich abschließender und verschließender träger Gemütsverfassung und phlegmatischen Phasen.
An psychischen Symptomen finden sich die Abneigung gegen geistige oder körperliche Arbeit, die geringe Ausdauer, der Wunsch nach Abwechslung, die Traurigkeit, die Reizbarkeit, die schnelle Erregbarkeit, quälende Gedanken während der Nacht, schlechte Laune, Unzufriedenheit, Angst vor großen Tieren (besonders vor Hunden).
 


Die Liebe und die Miasmen

Die Miasmen sind niemals positiv. Wie man anhand der für jedes dieser Miasmen typischen Symptomatologie sehen kann, reflektieren sie alle eine Pathologie oder existentielle Anomalität und können daher niemals eine wohltuende oder positive Situation für das Individuum darstellen. Sie verändern ja die Ausdrucksweise des Menschen in die bekannten drei Richtungen: hemmend, anregend oder zerstörend, weshalb niemals ein positives oder für das Individuum wünschenswertes Resultat zustande kommt.

Die Syphilinie repräsentiert immer eine Verachtung für das Leben oder eine Strömung gegen das Leben. Niemals könnte es also wünschenswert sein, sich in einer syphilitischen Verfassung oder einer sykotischen bzw. psorischen zu befinden. Selbstverständlich tritt bei der Syphilis deren destruktive und degenerative Neigung ganz besonders deutlich hervor. Selbst die Psychologie definiert Leidenschaft als einen destruktiven Gefühlsausbruch. Denn auch in der Liebe führt Leidenschaft zur Zerstörung des Liebesobjektes oder in irgendeiner Form zur Aufopferung des Liebenden. Liebe ist das einzige, was den Menschen wirklich adelt und in den verschiedenen Miasmen wird die Liebe unterschiedlich ge- und erlebt.

Psora liebt ungeschickt und umständlich. Wenn sie, wie im Falle der Psora nur ungeschickt oder schwierig ausgedrückt werden kann, wird sie weder denjenigen, der sie gibt, noch den, der sie erhalten soll, vollständig begeistern und befriedigen. Das Leben solcher Menschen wird von Warten und Unzufriedenheit geprägt sein. Ängstlichkeit beim Äußern von Gefühlen wird diese Menschen genauso belasten wie das beständige Warten auf eine Antwort. Diese kommt nie oder nur selten, da eben die Befriedigung, die eine solche Antwort motivieren würde, fehlt.

Der hastige Liebeshunger des Sykotikers. Bei sykotischen Menschen entstehen Enttäuschungen oft aufgrund überstürzter und unüberlegter Verhaltensweisen. Mit großem Einsatz und in blindem Vertrauen auf seine Möglichkeiten erfährt der Sykotiker Liebe auf reichhaltigste Weise. Es fällt dabei allerdings auf, daß er beim Verfolgen seiner Ziele immer etwas zu eilig und überstürzt agiert. Dabei ist es so, daß das Ziel seiner Liebe nicht nur auf eine Person ausgerichtet ist, sondern sich auf mehrere projiziert. Daher wird das Zustandekommen einer stabilen Bindung sowie vollständiges gegenseitigem Verstehen erschwert oder unmöglich gemacht. Der sykotisch geprägte Mensch wird stimuliert durch die Suche nach immer neuen Möglichkeiten zur Erfüllung seiner Wünsche bzw. Sättigung seiner Sinne. Hierbei erreicht er zwar in vielen Fällen den Gipfel seiner Möglichkeiten, erfährt dabei aber selten volle Befriedigung, da nämlich vor der Erfüllung einer seiner Wünsche sich schon wieder ein anderer anbietet. Er strebt nach immer umfassenderen Wahrnehmungen und neuen Vergnügungen, um seine Möglichkeiten immer wieder zu vervielfältigen.

Der Syphiliker liebt mit quälender Leidenschaft. Die Liebe des Syphilitikers ist immer von Leidenschaft geprägt und motiviert, einer quälenden, heimtückischen und fast versklavenden Leidenschaft, die ihn konstant antreibt etwas zu suchen, das nicht existiert. Aus seiner Enttäuschung heraus, wendet er sich schließlich gegen die Person, die seine Leidenschaft weckte, wie jemand, dem es nicht gelingt, eine bestimmte Speise richtig zu genießen, da er immer etwas anderes erwartet hat und er die Speise deshalb, selbst wenn sie köstlich ist, wieder ausspuckt. Zur Syphilinie gehört auch eine Neigung zu degenerativen und lasterhaften Vergnügungen, die in unnatürlichen, fremden, verbotenen oder perversen Liebesvergnügungen gesucht werden. Aber er kann diese Dinge nicht genießen, da er unfähig ist, sie wahrzunehmen und in eine entsprechende Befriedigung umzusetzen. Aufgrund dessen bleibt syphilitische Leidenschaft eine Leidenschaft, die oft zur Verzweiflung führt, das Innere des Menschen zerstört und den Verstand benebelt.
Ortega führt treffend aus, daß es schwer zu sagen ist, ob die Kenntnis darüber, daß wir alle etwas von diesen Miasmen in uns tragen und diese in irgendeiner Weise unser Verhalten und unsere Ausdrucksweise prägen, (wie zum Beispiel in der Liebe) eher Trost oder Alptraum bedeutet. Wir werden in uns selbst vielleicht mehr die eine oder andere Neigung wahrnehmen können oder erinnern uns an Lebensmomente oder Epochen, in welchen unsere Neigungen und Liebesprojektionen von einem ganz bestimmten Miasma besonders beeinflußt wurden. 

Dieses von einem Patienten zu erfahren, ist natürlich sehr schwierig und erfordert ein feines Fingerspitzengefühl. Die Miasmen bilden den Hintergrund jeder wirklichen Pathologie des Menschen. Sie nicht nur zu verstehen und anzuerkennen, sondern auch auf schnellstmögliche Weise zu behandeln, ist die wichtigste und transzendenteste Aufgabe eines wirklichen, eines Homöopathen.